Ansprache

Freies Transkript der Rede Seiner Heiligkeit, des XIV. Dalai Lama, am 22. September 2007 im Hessenpark, Neu-Anspach.

Das nachfolgende, durch uns selbst erstellte Transkript gibt die Rede des Dalai Lama als freie Übersetzung wieder. Eine Gewährleistung ob der Vollständigkeit und der Korrektheit aller Details können wir leider nicht übernehmen. Wir bitten herzlich um Ihr Verständnis und wünschen Ihnen dennoch viel Freude mit den Worten des XIV. Dalai Lama, die wir Ihnen auf diese Weise noch einmal in Erinnerung rufen möchten. Um Ihnen das Lesen und das Finden von Inhalten und Themen der Rede zu erleichtern, haben wir das Transkript in Zwischenüberschriften untergliedert. Viel Vergnügen!

Begrüßung und Danksagung

Liebe Brüder und Schwestern,

ich bin sehr sehr glücklich, Sie hier zu treffen, vor allen Dingen auch einige Freunde, mit denen ich mich seit langer Zeit verbunden fühle. Ganz besonders begrüße ich meinen langjährigen Freund Roland Koch. Ich bin sehr erfreut, wieder an einem so schönen Platz wie hier im Hessenpark zu sein, denn iese wunderbare Umgebung an sich trägt schon einiges zum Frieden unseres Geistes bei.

Ich möchte meine große Wertschätzung zum Ausdruck bringen für die Organisatoren, die dieses Ereignis möglich gemacht haben. Mein Dank gilt auch den vielen Freiwilligen, die mitgeholfen haben; Sie haben Großartiges geleistet und viele Mühen auf sich genommen.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei den jungen Tibetern aus der Schweiz, die traditionelle Musik gespielt haben. Obwohl sie in der Schweiz aufgewachsen sind, außerhalb Tibets, waren sie sehr bewegt, als sie ihr Lied vortrugen. Das zeigt, auch diese junge Generation, sogar außerhalb Tibets, hat weiterhin diesen starken tibetischen Geist wie die jungen Menschen in Tibet selbst. Es sind Generationen, die das freie Tibet nicht mehr erleben konnten. Trotzdem haben sie diese starke Identifikation mit ihrem Land. Das ist auch für mich eine Ermutigung, das berührt mich sehr.

Geist, Kultur und Identität Tibets

Ich glaube, dieser tibetische Geist ist eine Mischung aus der buddhistischen Religion und der Kultur Tibets. Ich bin überzeugt, dass dieser Geist trotz der vielen Hindernisse weiter bestehen wird - sowohl innerhalb als auch außerhalb des Landes, denn es gibt eine sehr tiefgründige Grundlage dafür.

Der Buddhismus als religiöse Grundlage

Die erste ist der Buddhismus. Der Buddhismus ist eine der alten religiösen Traditionen in der Welt. Er ist aber auch heutzutage noch relevant. Wir beobachten überall auf der Welt ein zunehmendes Interesse am Buddhismus - obwohl ich stets betone, dass es besser ist, seine eigenen Traditionen zu bewahren, weil der Wechsel des Glaubens Probleme mit sich bringen kann. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass das Interesse am Buddhismus in der Welt groß ist.

Der Buddhismus ist eine stabile Grundlage, die es lohnenswert macht, die tibetische Kultur zu bewahren. Andere Ideologien, nehmen wir etwa den Marxismus oder den Kommunismus, haben sicher nicht eine solch starkes Fundament. Der Buddhismus existiert seit über 2500 Jahren. Andere Ideologien kommen und gehen. Ich sage das, obwohl ich im Marxismus viele positive Dinge sehe - ich bezeichne mich manchmal etwas scherzhaft als „halber Marxist, halber Buddhist“.

Die 2000 Jahre alte Kultur des Landes

Eine andere Grundlage für den tibetischen Geist ist, dass es sich um eine alte, gewachsene Kultur handelt. Diese Zivilisation ist sicher über 2000 Jahre alt. Einigen Historikern der traditionellen Bön-Religion in Tibet zufolge kann sie sogar 3000 bis 4000 Jahre zurückverfolgt werden. Aufgrund archäologischer Funde der letzten Zeit wird geschätzt, dass die tibetische Kultur 7000 bis 8000 Jahre und teilweise bis zu 10.000 Jahre alt ist.

Die geografische Lage des tibetischen Hochlandes

Das heißt, die Tibeter haben eine alte Zivilisation, sie haben eine eigene Sprache und Schrift, und vor allem haben sie eine außerordentliche geographische Situation. Tibet ist ein Hochland, das natürlich nicht immer nur angenehm ist. Für Menschen aus den niederen Regionen ist es manchmal schwierig, sie leiden an Höhenkrankheit. Aber die Landschaft Tibets ist einzigartig, sehr beeindruckend.

Ich glaube, das sind gute Gründe dafür, dass dieser tibetische Geist bei den Tibetern weiter bestehen wird. Ein weiterer Aspekt ist, dass eine wachsende Zahl von Chinesen ein echtes Interesse an diesem Land und seiner Kultur zeigt, besonders am Buddhismus. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Buddhismus Werte hat, die heutzutage lohnenswert sind, sie kennenzulernen

Bezugnahme auf das Interesse des Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch an Tibet

Herr Ministerpräsident Koch, Sie sind nach Tibet gereist und haben uns hier einen Film von ihrer Reise gezeigt. Sie haben mir und den Tibetern gegenüber echte Freundschaft bewiesen, Sie nehmen Anteil am Wohl der Tibeter. Sie haben immer versucht, sich einzusetzen und zu helfen. Ich bin davon überzeugt, dass Sie mit dieser Motivation auch nach Tibet gereist sind.

Zuerst möchte ich Ihnen gegenüber meine Wertschätzung für Ihre Bemühungen und Ihre Hilfe zum Ausdruck bringen. Ich denke, das ist wirklich sehr nützlich und hilfreich. Ich möchte sie gleichzeitig bitten, in Ihren Bemühungen für unser Land nicht nachzulassen. Als ich diesen Bericht gesehen habe, war mir klar, dass er aus vielen Teilen zusammengesetzt ist: Einige Teile vermitteln die Fakten, andere Teile sind Propaganda, und in wieder anderen Passagen haben Menschen unter Angst und Zwang gesprochen

Als Tibeter habe ich viele Erfahrungen mit den Chinesen. Ich habe viele Offizielle getroffen und lange Zeit in China selbst verbracht. Wir kennen die Mentalität und die Ausdrucksweisen, die von chinesischen Offiziellen kommen. Dafür habe ich in dem Film wieder viele Beispiele gesehen.

Wir brauchen einen realistischen Blick auf die Situation in Tibet. Dazu müssen wir weiter analysieren; wir brauchen das, was wir im Buddhismus als „analytische Meditation“ bezeichnen.

Über Freundschaft…

Freundschaft soll das Haupthema unseres Gesprächs sein. Freundschaft bildet für alle Arten und Tiere die Grundlage für ihr Überleben. Auch wir Menschen gehören dazu, wir sind soziale Wesen, angewiesen auf Kooperation und Zusammenarbeit. Das ist die Basis unseres Lebens. Wenn wir in Freundschaft kooperieren, führt das zu großartigen Ergebnissen. Wenn wir aber aufgrund von Zwängen zusammenarbeiten, dann können die Resultate nur begrenzet sein. Der Geist der Kooperation ist etwas sehr Wichtiges in unserem Zusammenleben. Er ist eine Grundvoraussetzung für zufriedenstellende Ergebnisse. Freundschaft ist also sehr wichtig.

Es gibt verschiedene Arten von Freundschaft. Sie können auf Geld beruhen; und manche reiche Menschen scheinen einen großen Freundeskreis zu haben, der aber auf Karriere und Reichtum beruht. Er schrumpft zusammen, sobald der Erfolgt ausbleibt.

Weiter gibt es Freundschaft in diplomatischen Kreisen, die oft mit Misstrauen verbunden ist. Je enger die Beziehungen werden, desto größer wird das Misstrauen.

Echte Freundschaft dagegen muss auf Respekt und gegenseitiger Zuneigung basieren. Die gilt ungeachtet dessen, ob der andere reich oder arm, bekannt oder unbekannt, mächtig oder machtlos ist. Sie beruht einfach darauf, dass wir uns als Menschen begegnen und uns als Brüder und Schwestern betrachten. Sie beruht auf der Erkenntnis, dass wir als Menschen die gleichen grundlegenden Rechte haben. Auf dieser Basis ist Freundschaft echte Freundschaft. Sie beruht auf der Achtung der Rechte von anderen und auf der Sorge um die anderen. Das ist eine echte menschliche Freundschaft. Eine solche Freundschaft bleibt dauerhaft.

Wertschätzung gegenüber Kanzlerin Merkel

Ich möchte meiner Überzeugung Ausdruck verleihen, Herr Ministerpräsident, dass Ihre Freundschaft mit den Tibetern eine solche echte Freundschaft ist und dass sie sich deshalb auch nicht wandeln wird. Ich möchte in dem Zusammenhang auch meine Wertschätzung gegenüber der Bundeskanzlerin Frau Merkel ausdrücken. Ich habe sie schon getroffen, als sie Vorsitzende ihrer Partei war, aber noch nicht dieses Amt bekleidete. Schon bei dem damaligen Gespräch hatte ich das Gefühl, dass eine Bereitschaft zu echter Freundschaft besteht. Diese aufrichtige Haltung ist bis heute bestehen geblieben und hat, wie ich glaube, zu meiner Einladung nach Berlin geführt. Meiner Überzeugung nach ist sie ein Mensch, der eine solche Freundschaft ernst nimmt, ein Mensch mit Prinzipien. Nun, echte Freundschaft beruht letztlich auf Mitgefühl, auf menschlichen Empfindungen, auf der Sorge umeinander. Und damit bin ich bei meinem Lieblingsthema, dem Mitgefühl.

Über Mitgefühl…

Mitgefühl bedeutet nicht, dass man jemanden aus einer höheren Position heraus bedauert, weil er vielleicht einen niedrigeren Status hat oder sich in einer misslichen Lage befindet. Echtes Mitgefühl basiert vielmehr darauf, dass man den anderen Menschen respektiert und seine Rechte achtet.

Es gibt zwei Ebenen des Mitgefühls. Die erste ist ein Teil unserer Natur, ein biologischer Faktor. Das erste Erlebnis dieses Mitgefühls, der Zuneigung und Wärme erfahren wir direkt nach unserer Geburt und in unserer Kindheit. Denn das erste, was wir von unserer Mutter erleben, ist Zuneigung. Sie gibt uns ihre Milch und dadurch erfahren wir zum ersten Mal in unseren Leben Mitgefühl und Liebe. Ohne solche Zuneigung könnten wir nicht überleben. Das heißt, Liebe und Fürsorge sind in Wirklichkeit in unserer biologischen Struktur angelegt. Nur durch diese Zuneigung können wir aufwachsen, nur durch diese Zuneigung kann sich unser Gehirn positiv entwickeln.

Die Bedeutung der Mutter…

Es ist wichtig, das wir zunächst diese grundlegende, natürliche Zuneigung anerkennen und ihre Bedeutung wertschätzen. Ich bin jetzt 72 Jahre alt. Wenn ich mich selbst als Beispiel nehme: Natürlich habe ich wie andere Menschen auch Mitgefühl gelernt, verstärkt noch durch meine buddhistische Praxis. Aber zuerst habe ich Mitgefühl nach meiner Geburt von meiner Mutter erfahren.

Meine Mutter war ein sehr warmherziger Mensch. Sie war arm, wenn auch nicht notleidend - unserem Dorf ging es relativ gut -, aber wir waren arme Leute. Sie war nicht gebildet im üblichen Sinne, sondern Analphabetin, aber sie war eine sehr warmherzige und liebevolle Person. Ich bin überzeugt, dass in jener Zeit der Same des Mitgefühls in mir angelegt worden ist.

Das heißt, der Same des Mitgefühlt kommt nicht aus dem religiösen Glauben. Es liegt vielmer in dem Gefühl der Nähe, welches das Kind gegenüber der Mutter und die Mutter gegenüber dem Kind verspürt, das wir alle von Natur her in uns tragen und das die Basis unseres Lebens ist. Dieses können wir auch bei vielen Tieren beobachten. Das ist die erste Ebene des Mitgefühls. Diese Ebene ist oft mit Anhaftung vermischt, sie ist oft begrenzt auf unsere Familie und unsere Freunde.

Dann gibt es eine zweite Ebene: Was wir anstreben, ist ein umfassendes Mitgefühl, das unvoreingenommen und unbegrenzt ist. Es basiert jedoch zunächst auf dieser ersten Ebene. Von dort können wir es weiterentwickeln, indem wir unseren Verstand und argumentatives Denken benutzen. Denn mithilfe der besonderen Intelligenz, die nur wir als Menschen haben, können wir den längerfristigen Nutzen des Mitgefühls erkennen und es aktiv üben.

Dieses Mitgefühl ist nicht mit Anhaftung vermischt, ganz anders als bei der ersten Ebene. Denn unser normales Mitgefühl, das wir nicht besonders trainiert haben, ist abhängig von der Einstellung, die uns ein anderer Mensch entgegenbringt. Ist er unser Freund, ist er uns wohl gesonnen, dann mögen wir ihn und haben Zuneigung zu ihm. Ist er unser Feind, will er uns Böses oder schadet uns, dann klammern wir ihn aus unserer Zuneigung und unserem Mitgefühl aus. Das heißt, wir machen unser Mitgefühl in der Regel abhängig von den Handlungen und Einstellungen des anderen.

Mitgefühl misst sich an den Handlungen gegenüber anderer Menschen..

Aber die zweite Ebene des Mitgefühls ist frei von Parteilichkeit. Sie beruht nicht auf der Einstellung oder auf den Handlungen uns gegenüber, sondern auf dem Bewusstsein, dass es sich um einen Menschen handelt. Wir machen uns klar, jeder Mensch möchte wie ich Glück und kein Leiden erleben. In diesem Punkt sind wir völlig gleich. Und wenn ich dieses Prinzip ernst nehme, dann muss sich mein Mitgefühl auch auf Menschen ausdehnen, die mir nicht wohlgesonnen sind, auf solche, die wir für gewöhnlich als unsere Feinde bezeichnen.

Wir erkennen, dass dieser andere als Mensch das Recht hat, Leiden zu überwinden und Glück zu verwirklichen. Auf Basis dieser Einsicht kann ein unvoreingenommes und echtes Mitgefühl entwickelt werden. Ich glaube, dass wir heutzutage dieses Mitgefühl benötigen in der Welt und dass wir uns darum bemühen müssen. Wenn wir dieses haben, dann werden unser Handlungen konstruktiv.

Die Metapher mit den Fingern und der Handfläche

Ich vergleiche das oft mit der Beziehung zwischen den Fingern und der Handfläche. Die Finger können Großartiges tun, aber ohne Handfläche erreichen sie nichts. Genauso können wir als Menschen zwar Großartiges tun, aber solange uns das Gefühl der Menschlichkeit und das Mitgefühl fehlt, werden unsere Resultate nicht zum gewünschten Ziel führen. Sie bringen nur unablässig Schwierigkeiten, und selbst die Religion kann ein Instrument sein, noch mehr Leiden in der Welt zu schaffen, wenn sie missbraucht wird, um Macht und Geld anzuhäufen. Ob es sich um wirtschaftliche Aktivitäten handelt, Geldangelegenheiten, Machtausübung, Technologie – alle unsere Handlungen können destruktive Formen annehmen, wenn uns Mitgefühl und Verantwortungsgefühl fehlen. Wenn diese menschlichen Eigenschaften jedoch unserem Handeln als Motivation zugrunde liegen, werden alle unserer Tätigkeiten konstruktiv.

Ein gutes Herz, das niemanden ausgrenzt, sondern bewusst auf alle Menschen ausgedehnt wird, bringt uns nicht allein mehr positive Willenskraft und Zuversicht, sondern auch inneren Frieden. Innere Ausgeglichenheit ist die Grundlage für eine normale Funktionsweise unsere Gehirns, die uns ermöglicht, korrekt zu urteilen und die Wirklichkeit zu erkennen und auszuwerten. Ohne die innere Ruhe und Klarheit arbeitet unser Gehirn nicht optimal, um eine Situation angemessen zu beurteilen. Wir sehen die Realität nicht, es kommt zu Irrtümern und falschem Handeln, mit dem wir den Bezug zur Wirklichkeit verloren haben. Die folge sind oft genug Desaster. Wir sehen das immer wieder in Politik und Wirtschaft. Die Wirklichkeit zu erkennen ist von überragender Bedeutung. Dazu müssen wir in der Lage sein, die Dinge objektiv zu untersuchen und zu beurteilen, und dazu brauchen wir einen ausgeglichenen Geist.

Ich danke Ihnen.

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